Bestandsaufnahme zum Brexit, von Dr. Hugh Bronson

Teil 1 – Großbritanniens Attraktivität im Weltmarkt

Guten Tag,

„It’s done“. Seit dem erstem Januar 2021 ist der Brexit vollzogen. Großbritannien regiert wieder souverän im eigenen Staatsgebiet. Die EU verliert zum Jahreswechsel eine der ältesten Demokratien. Und einen ihrer größten Nettozahler. Ein demokratisches Votum wurde, nach zähen Verhandlungen, de iure und de facto umgesetzt – dieses Mal endgültig.

Johnsons Handelsgeschick…

Seither und bereits davor vergeht kein Tag, an dem die kontinentaleuropäische Politik samt ihrer Medienmacht nicht den Briten ihren Austritt zu verleiden sucht. Der Eklat um Produktion und Zugriff auf Vakzine rund um das Unternehmen Astra Zeneca spielt hierbei nur die jüngste und sicher nicht die letzte Posse. Während immer mehr Briten, auch ursprüngliche Brexit-Skeptiker, die Loslösung von Brüssel befürworten, teilt Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen um so giftiger nach London aus. Wie kann sich London nur um die eigenen Belange kümmern? Richtig, sie müssen keine Rücksicht mehr auf schwerfällige und unattraktive Regeln und Verhandlungen mit der EU nehmen.

Die Präsidentin macht deshalb das, was sie bereits vor weiteren Konsequenzen in ihrem ehemaligen Ressort der Verteidigung schützte und im Kabinett Merkel erfolgreich übte: Die Verantwortung abwälzen! Konkret:  Schuld wegschieben, Gerichte bemühen, verzögern. Der schwarze Peter landet dann bald woanders, längst vergessen. Bis dahin sucht sie, flankiert von Luxemburger EU-Eminenzen wie Asselborn und Juncker, ihr Heil in Attacken auf London, auf Boris Johnson.

…und von der Leyens Ohnmacht

Häme und Spott sind indes nur Zeichen der Ohnmacht, denn die EU und von der Leyen stehen nach Expertise des Medizinrechtlers Alexander Ehlers respektive Lieferbedingungen des Impfstoffs in der Bringschuld zur Beweislast – und damit ohne Handhabe da. Ratspräsidentin insgeheim befürchten die EU-Kommissare, dass „England durch Unterlaufen der Standards aus Brüssel wettbewerbsfähiger und zu einem Singapur an der Themse“ werden könnte, wie Autor Air Türkis im Politmagazin „Tichys Einblick“ am 25. Dezember vergangenen Jahres schreibt. EU-Chefin Ursula von der Leyen insistierte offenbar mit aller gegebener Macht bis zum Schluss der Brexit-Verhandlungen auf das Fixieren von Hebeln, die Großbritannien zu Gunsten der EU-Vorgaben schlucken sollte. Daraufhin passierte das, was immer passiert, wenn Mächte des Kontinents auf die britische Insel zugreifen möchten:  Sie scheitern am angelsächsischen Handelsgeschick. Dieses Mal am massiv unterschätzten Boris Johnson. Denn am Ende geht es der Handelsnation England stets um eines: Freiheit. Denn Unabhängigkeit zählt langfristig stets mehr als Geld – und an genau der Stelle haben sich die EU-Granden verrechnet, denn alles in allem erhält Großbritannien nicht nur seine politische Souveränität zurück, sondern auch seine Entscheidungsfreiheit und damit wirtschaftliche Flexibilität.

Wachsendes Vermögen

Ein paar Beispiele: Zwar ist das britische BIP (2.828,8 Mrd. US $ im Jahre 2018) unter dem deutschen BIP (2019 bei 3.863 Mrd. US $), doch dafür fallen die Abgaben ohne die EU-Beiträge niedriger aus, was sich auch am BIP pro Kopf ausdrückt: So rangiert Deutschland mit einem nominalen BIP pro Kopf von 46.473 US $ nur knapp über dem britischen BIP von 44.579,8 nominal pro Kopf. Selbst kurz vor dem Durchbruch bei den Verhandlungen mit der EU am Ende des Jahres 2020, als das BIP auf 2.638,3 Mrd. US $ nominal pro Kopf fiel, verharrte es auf dem Niveau von Anfang 2006, also wie vor der Finanzkrise 2008!  Seit Jahresbeginn, Thema Ballastabwurf, seigt das BIP und liegt jetzt Mitte Januar schon über dem Dezemberwert, trotz Corona-Krise. Prognostiziert werden bis Ende 2021 schon 2.855, 67. Bis Jahresende 2025 werden nach konservativer Analyse 3.239,2 Mrd. US-$ BIP nominal pro Kopf prognostiziert.

Die Daten aus dem Jahre 2018 (Quellen: Statista) sind also noch vor dem Brexit entstanden und zeigen die deutliche Abgabenlast in EU-Deutschland gegenüber dem damaligen EU-Mitglied Großbritannien: Über eine Billion US-Dollar des deutschen BIP schlagen sich nominal nicht auf den Pro Kopf BIP durch! Nun fehlt der Netto-Einzahler Großbritannien und Deutschland hat somit noch mehr in die EU zu zahlen. Dabei sprechen wir noch gar nicht von den wirtschaftlichen Corona-Folgen und dem sinkenden BIP infolge hoher, nein höchster Strompreise weltweit (!), der Krise in der Automobilindustrie, deren Schaden durch mediale Diffamierung beinahe mutwillig vergrößert wird. Aber das ist ein anderes Thema. 

Deutschland lernt Mittelmaß

Zwischenbilanz: Gegenüber der gesamten EU birgt der britische Wirtschaftsmarkt, gemessen am BIP Großbritanniens, viel mehr Flexibilität, weniger Abgaben, mehr Investitionsanreize. Beim Index für wirtschaftliche Freiheit rangiert das vereinigte Königreich auf Platz 7, Tendenz nach oben steigend. Auf den Plätzen eins, zwei, drei und vier übrigens Singapur, Hongkong, Neuseeland, Australien, in dieser Reihenfolge. Einzige europäische Nation in den Top 5: Die Schweiz, auf Platz fünf, bekannterweise kein EU-Mitglied. Die Ehre der EU wird von Irland auf Platz 6 verteidigt, da die irische Insel dank Lage und englischer Sprache sowie Handelstradition nach Amerika  einen Sondersteuerstatus in der EU genießt. Deutschland rangiert hier übrigens auf dem 27. Platz…! Beim Digital Quality of Life Index, erstellt von Surfshark, steht Großbritannien ebenfalls auf Platz sieben im internationalen Vergleich, hinter Kanada, Frankreich und Norwegen, aber deutlich vor Deutschland auf Platz, tja, 16.

Der Technikstandort Deutschland bequemt sich im internationalen Vergleich also längst mit dem Michel-tauglichen Mittelmaß. Wie bescheiden. Was sagt das aber über das Land der „Dichter und Denker“?  Wohlgemerkt: Deutschland besitzt keine Überseegebiete, keine Bodenschätze, keinen digitalen Vorsprung, keine Steuervorteile, keine Energieunabhängigkeit! Der einzige Vorteil war bis vor wenigen Jahren unsere technische Innovationsfreude. Vorbei. Wir sind heute tief im gestern! Die Denker sind längst weg und die Dichter gendern.

Erfolgreich im Commonwealth

Weltunternehmen, allen voran asiatische Investoren, investieren mehr in Großbritannien. Und: Großbritannien mag zwar außerhalb der EU sein, aber die Seemacht hat ihre Stärke nie auf dem Kontinent gesehen, sondern stets im Handel, auf den Weltmeeren: Neben China und Indien ist Australien die Wirtschaftsmacht im indopazifischen Raum mit dem schnellsten Wachstum. Und rasant steigenden Löhnen. Australien ist das, was England im 19. Jahrhundert war: Eine (sehr große) Insel, am Rande eines mächtigen Wirtschaftsraums. Ressourcenunabhängig, hoch gebildet, Militärmacht, Seemacht, wirtschaftsliberal, technisch innovativ, finanzstark. China, die Werkbank der Welt, ist keine mehr. Sie geht auf Einkaufstour. Indien hat bald das gleiche BIP wie Frankreich, ist das IT-Zentrum Asiens. Danach folgen Malaysia, Neuseeland, Singapur, Brunei, Thailand, Pakistan. Zu welchem Staatenverbund gehören diese Länder? Und welches ist deren Handelssprache? Eben! Das Commonwealth. Obgleich seit 1949 unabhängig bleibt der indische Subkontinent wichtigster Handelspartner des vereinigten Königreichs. High Tech und Rohstoffe finden sich zuhauf in Australien, das zusammen mit Gibraltar und Singapur längst als Finanzdrehkreuz Großbritanniens für High Tech Märkte dient…wobei sich das gerade umdreht:

Die Briten werden dank wachsender Löhne in Fernost und stabiler Löhne im eigenen Binnenmarkt immer mehr die Zulieferer für Australien, Kanada und Neuseeland. In allen drei Ländern ist nach wie vor die Queen Staatsoberhaupt. Auch Kanada sowie die wirtschaftlich schnell wachsenden afrikanischen Staaten Kenia, Tansania, Sambia, Mosambik und Südafrika, Nigeria und Ghana sind Mitglieder des Commonwealth sowie starke Handelspartner Indiens und Chinas. In den Geschäftszentren London, Singapur und Sydney laufen die finanziellen Fäden dieser Handelspartner zusammen. Und bilden neue Finanzmärkte. Selbst kleine Überseeterritorien wie Gibraltar sind IT-Giganten (Gaming-Industrie, Online-Wetten). Und Inseln des britischen Mutterlandes wie die Isle of Man oder die Kanalinseln bleiben nach wie vor attraktive Steueroasen. Das muss man nicht mögen, erfolgreich ist es allemal.

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Ausblick auf Teil 2:

Liberalismus vs. Bürokratie: Warum die Fliehkräfte der EU unter deutscher Ägide zunehmen – und Englands BIP steigt.